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Haus zum Ritter: Fresken-Nachschöpfung, Front 1938-39,  Vordergasse 65 in Schaffhausen

Seinen Name erhielt das 1492 erbaute Bürgerhaus von seinem Besitzer Ritter Hans von Waldkirch, der es 1566 umbauen und von Tobias Stimmer bemalen liess. Das Bildprogramm des «Hauses zum Ritter» befasst sich mit Heldentaten und Tugenden und setzt sich aus vielen Einzelszenen zusammen. Dargestellt sind Szenen aus der griechischen Mythologie, aus römischen Volkssagen und der römischen Geschichte, die Heldendaten und Vaterlandsliebe thematisieren. Sie sind mit Personifikationen und Allegorien der Tugenden kombiniert. «Gloria» mit Szepter und einer Weltkugel zu Füssen, «Immortale», «Prudentia»  und «Fortitudo, sowie «Virtus» die Personifikation der soldatischen Tapferkeit, die Nymphe Daphne, die sich zum Schutz vor Apoll in einen Lorbeer verwandelt, die Ankunft Odysseus' bei der Zauberin Kirke, Perseus mit dem Haupt der Medusa, Marcus Curtius, der vom Giebel des Hauses aus mutig in den Opfertod springt, dazwischen Soldaten in römischer Rüstung im Kampf und beim Siegeszug tummeln sich an der Hausfassade. Die einzelnen Szenen sind in eine grosszügig ausformulierte, irrationale Scheinarchitektur aus Pilastern und Festons mit perspektivischen Versprüngen eingebettet. Diese Art der Selbstdarstellung war Ausdruck des Repräsentationsbedürfnisses und des Selbstbewusstseins des Bürgertums in der Renaissance. Typisch für diese Zeit ist die Orientierung an klassisch-antiken Vorbildern in Verbindung mit neuen humanistischen Idealen wie sie hier gezeigt werden. Das «Haus zum Ritter» ist ein markantes Beispiel für die Kommunikation von Wertvorstellungen über Architektur und Malerei, mit der sich der Auftraggeber selbstbewusst neben Adel und Klerus stellte. Es zählt heute zu den bedeutendsten erhaltenen Renaissancefresken nördlich der Alpen.

Carl Roesch gewann 1937 den Wettbewerb für die Rekonstruktion der berühmten Renaissancefresken von Thobias Stimmer am «Haus zum Ritter» in Schaffhausen. Er hatte bei der Jury durchgesetzt, dass die Fresken nicht als Reproduktionen, sondern als Nachschöpfungen ausgeführt werden. Zu diesem Zweck studierte er die Stimmer-Zeichnungen im Baseler Kupferstichkabinett als auch die Reste der abgelösten Originalfresken im Museum Allerheiligen in Schaffhausen und stellte Kostümstudien an. In vielen Vorzeichnungen spürte er der Üppigkeit und Überschwänglichkeit der Originalfresken nach.

Carl Roesch war besonders darauf bedacht, «die Frische und Kühnheit der Erfindung», den «Stimmerschen Geist» in seine Nachbildungen umzusetzen. Zur Zeit der Ausführung dieses grossen öffentlichen Auftrages befand sich der Künstler auf dem Zenit seiner künstlerischen Laufbahn. Die fast zwei Jahre andauernde körperliche Anstrengung und die gleichzeitige künstlerische Beschränkung stellten eine grosse Herausforderung für ihn dar. Auch die öffentliche Vorgabe mit Keimscher Mineralfarbe und nicht al fresco malen zu müssen, erschwerte ihm seine Arbeit. Die Vielzahl öffentlicher und repräsentativer Aufträge, die Carl Roesch erhielt, schränkte ihn einerseits zeitlich in seiner freischaffenden Tätigkeit ein, sie ist andererseits Ausdruck und Bestätigung der Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen in der breiten Öffentlichkeit.

(Text: Helga Sandl / Kunsthistorikerin)