Urs Roesch

In Diessenhofen erlebte man die Nazifizierung Deutschlands hautnah. Die behäbigen, augenzwinkernden, badischen Zöllner wurden schon bald nach der Machtergreifung durch eine Besatzung von dreissig jungen, strammen Norddeutschen ersetzt. Selbst am nebensächlichsten Übergang standen jetzt Zöllner, fragten mit stechendem Blick nach Devisen und kontrollierten alle Taschen. Schweizer Zeitungen wurden beschlagnahmt.

Nationale Festtage gesellten sich zu den kirchlichen. Beide waren Anlass Fahnen zu hissen. Schreibers, die gerade vis à vis Carls Atelier über dem Rhein wohnten, waren eifrige Nazis und alle paar Tage flatterte dort eine riesige Hackenkreuzflagge. Sobald Carl das sah, zog er die Schweizerfahne auf. Der Fahnenzweikampf wurde mit den vielen deutschen Siegesmeldungen recht anstrengend.

Den immer Schlimmeres verkündenden Meldungen über die Judenverfolgungen und anderen Grausamkeiten der Deutschen wurde hier an der Grenze kein Glaube geschenkt. «So sind unsere Nachbarn nun doch nicht. Da wird übertrieben», war die Meinung. Die am 10. November 1938 über Gailingen aufsteigenden Flammen und Rauchwolken konnte man vom Atelier aus gut sehen. Dass ein organisierter Mob die Synagoge abgebrannt hatte, schockierte nun doch sehr und nährte Ängste und Zweifel. 

Im Mai 1940 galt als sicher, dass die Deutschen jetzt angriffen. Es wurden Ortswehren gebildet. Die 15- bis 18-jährigen Diessenhofener wurden mit Langgewehren, Modell 1889, ausgerüstet. Sie erhielten Schiessunterricht und acht Patronen, zwei zum Üben und sechs um die Deutschen im Schach zu halten. Zusammen mit andern instruierte mein Vater, wie man in Deckung geht, Korn einstellt und zielt. Onkel Carl hatte kein Verständnis für solch militärisches Gehabe. 

In der Nähe Diessenhofens fielen schon Mitte des Krieges, um 1942, die ersten Bomben. Es waren Abwürfe von Einzelkämpfern, die sich verirrt hatten. Sie klinkten ihre Bomben zur Entlastung für den Heimflug einfach irgendwo aus. Einige dieser Bomben – etwa sechs Stück – explodierten nachts um Elf in einer Reihe, die nahe der Schreinerei Roesch begann und bis zum Rodenberg reichte. Es entstanden Erdlöcher von etwa dreieinhalb Metern Durchmesser und einem Meter Tiefe. Das Haus zitterte schrecklich. Beschädigt wurde glücklicherweise nichts, nicht einmal eine Scheibe brach. Carl versuchte uns anzurufen. Wir bekamen im improvisierten Luftschutzkeller sitzend nichts mit. 

Kritisch wurde es gegen Ende des Krieges, als die Engländer und die Amerikaner mit grossen Bomberverbänden flogen. Der nördliche Brückenkopf der Diessenhofer Brücke wurde angegriffen. Es fielen nur wenige Bomben, aber sie genügten, um den Gasthof Schiff und die umliegenden Häuser wegzufegen. Die Nordauflage der Brücke war zerstört. In Diessenhofen gingen Hunderte von Scheiben und viele Dachziegel zu Bruch. Steinbrocken flogen bis auf die Terrasse des Ateliers, verursachten aber glücklicherweise kaum Schäden. Später brachten die schlimmen Bombardierungen von Schaffhausen und Stein das Kriegselend in nächste Nähe. 

Carl und Titus hatten sich während des Krieges exponiert. Carl setzte sich für die Juden ein. Die Nazis, diese Kunstzerstörer, waren ihm ein Graus. Mein Vater gehörte zu den Gründern einer Organisation, die die Gegner der Fröntler zu einer Wahlplattform zusammenschloss. 1940 brauchte es zu solchen Aktivitäten Mut. Es war bekannt, dass die Fröntler mit deutscher Gründlichkeit die Machtübernahme planten und Listen aufsetzten, wen man beim deutschen Einmarsch rasch umlegen müsse und wer sicherheitshalber «einzulochen» wäre. Die Wahlplattform wurde bald zur politisch bestimmenden Gruppierung, was den zwar wenigen aber einflussreichen Fröntlern den Boden unter den Füssen wegzog.

Urs Roesch (*1925), der Neffe von Carl und Margrit Roesch, ist Erbe des Nachlasses des Künstlers.